Ich kenne keine anderen Diabetiker.

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Ich „hätte es ja gut im Griff, so wie ich aussehe“ höre ich ab und zu von Leuten, die erfahren, dass ich Typ 1 Diabetikerin bin. Da bin ich oft anderer Meinung, oft frustriert, genervt und alleingelassen.

Natürlich weiss ich von anderen Diabetiker*innen, dem Kind in der Klasse meiner Schwester, einem Arbeitskollegen, dem ich nach wie vor unterstelle gar kein „richtiger“ Diabetiker zu sein, weil man von dem nie was hört, der auf die Wildschweinjagd geht und den Traubenzucker vergisst. Ich weiss von einem Physiker, der zusätzlich Kraftsportler ist, und seine Kenntnisse im analytischen Bereich eisern auf seine Diabeteskontrolle anwendet. Von einem Tierpfleger, der mit meinem Mann in derselben Klinik arbeitet und das Team informiert hat, dass sein Glukagon-Pen in seinem Spind sei, falls er selber mal bewusstlos rumliegen sollte. Vom Vater einer Freundin, der nach der Typ 2 Diagnose viel Gewicht verloren hat, spazieren zum täglichen Ritual erkoren hat und mittlerweile auf Medikamente verzichten kann. Vom Mann einer Kollegin, der keine grosse Lust hat, seinem Typ 1 Diabetes viel Beachtung zu schenken, sich auch beim Essen nicht gross einschränken mag und für den Sport auf keinen Fall in Frage kommt.

Ich möchte keine anderen Diabetiker kennen.

Will mit niemandem darüber sprechen, mich ausfragen oder bemitleiden lassen. Keinesfalls will ich Blutzuckerprobleme anderer hören, meine eigenen sind genug für mehr als ein ganzes Leben. Und doch frage ich mich oft, wie andere das schaffen.

Diesen Blog schreibe ich für mich.

Ich „hätte es ja gut im Griff, so wie ich aussehe“ höre ich ab und zu von Leuten, die erfahren, dass ich Typ 1 Diabetikerin bin. Da bin ich oft anderer Meinung, oft frustriert, genervt und alleingelassen. In meinem Job als Tierärztin, Professorin und Forscherin bin ich gewohnt, strukturiert zu denken und zu arbeiten. Ich bin ausgebildet, Fachartikel zu lesen und die Inhalte zu interpretieren, aber auf meinen Diabetes wende ich das selten an. Ich glaube, einiges zu wissen und zu verstehen, und doch geht es immer wieder schief, esse ich wieder Zeugs, das man auf keinen Fall essen sollte, bewege mich zu wenig, und beschimpfe regelmässig meine Insulinpumpe, die mir meldet, dass mein Blutzucker nun definitiv nicht mehr im grünen Bereich sei.

Diesen Blog schreibe ich aber auch für meine Schwester,

sie hat als Primarlehrerin ein diabeteskrankes Kind im Unterricht und kann es nicht gut unterstützen, weil sie keine Ahnung über diese Krankheit hat. Aber wenigstens ein Pack Traubenzucker in der Lehrerpultschublade. Ich schreibe für meine Mutter, die mich jedes Mal sanft fragt, was denn zum Essen für mich gut wäre, wenn wir eingeladen sind. Für meinen verstorbenen Grossvater, der stolz war auf alles, was ich gemacht habe, aber verzweifelter über meine Diagnose als ich selber.

Für meine Freunde,

die seit 26 Jahren meinen Diabetes grosszügig ignorieren, weil ich sie denken lasse, ich täte das ebenfalls.

Und für meinen Mann, der den Diabetes zwar nicht hat, aber jeden Frust mitkriegt, sich ebenfalls ständig nach meinem Blutzucker richten muss, und dem ich dann auch noch meine Krallen über die Backe ziehe, wenn er mich mal vorwurfsvoll fragt, ob es jetzt schlau sei, wenn ich das auch noch esse.

Ich schreibe den Blog für eine Gesellschaft, die meint, Diabetes sei eine reine Lifestyle-Erkrankung,

da sei man selber schuld, weil man zu fett ist und zu faul, Insulin führe zur Heilung. Und für Leute die erstaunt sind, eine schlanke fitte Diabetikerin vor sich zu haben, die sich dann halb entschuldigend erklärt, eben einen Typ 1 zu haben.

Aber vor allem für mich und meinen f***king Diabetes, das Biest, das 24 Stunden am Tag, 7 Tage pro Woche, seit mehr als 26 Jahren keine Ferien macht, ohne Pause mit mir ist, und keinen fauligen Atemzug auslässt, mich daran zu erinnern, dass ich Diabetikerin bin.

Vielleicht sollte ich andere Diabetiker kennen.

Vielleicht könnte ich von Euch lernen, Eure Erfahrungen teilen. Vielleicht könnten wir gemeinsam dafür einstehen, dass es sich lohnt, Diabetes gut zu behandeln.  Dass es sich lohnt, Typ 2 Diabetes früh zu erkennen und zu verhindern wo möglich. Vielleicht könnten wir Angehörige und Freunde informieren, wie sie uns besser unterstützen können, und helfen, ohne uns als schwach dastehen zu lassen.

Vielleicht sollte ich andere Diabetiker kennen…

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